Wie macht ihr Abstimmungsergebnisse des EU-Parlaments für Journalist:innen besser nutzbar?
Egal ob KI-Gesetz, Asylreform oder Lieferkettengesetz – das Europäische Parlament ist zentral an der europäischen Gesetzgebung beteiligt. Die Abstimmungsergebnisse des Parlaments werden allerdings auf verschiedenen Webseiten und Portalen und teilweise zu unterschiedlichen Zeiten in unterschiedlichen Formaten veröffentlicht. Im Interview zum Projektabschluss erklären Linus Hagemann und Till Prochaska, wie sie diese Daten mit dem HowTheyVote.eu Journalism Toolkit für Journalist:innen einfacher zugänglich machen und anschaulich aufbereiten – und für welche Recherchen das Datenportal bereits eingesetzt wurde.

Das Team hinter „HowTheyVote.eu Journalism Toolkit“: Linus Hagemann (l.) und Till Prochaska
„Wir wollten es einfach machen, Abstimmungen im Europäischen Parlament zu finden und zu sehen, wie Abgeordnete abgestimmt haben."
Lieber Linus, Lieber Till, wie ist die Idee zu HowTheyVote entstanden, und welches Problem wollt ihr mit dem Datenportal konkret lösen?
Linus: Als 2019 im Europaparlament über die viel diskutierte EU-Urheberrechtsreform abgestimmt wurde, wollte ich schauen, wie die deutschen Abgeordneten abgestimmt haben. Das fand ich ziemlich schwierig – überhaupt die richtige Abstimmung zu finden und dann die Abgeordneten in der Abstimmungsliste, die mich interessierten. Da ist die erste Idee zu HowTheyVote entstanden: Wir wollten es einfach machen, Abstimmungen im Europäischen Parlament zu finden und zu sehen, wie Abgeordnete abgestimmt haben.
Wie sammelt ihr die Abstimmungsdaten aus dem EU-Parlament, wie bereitet ihr sie auf und wie funktioniert HowTheyVote technisch?
Till: Alle Daten, die wir nutzen, werden von der Europäischen Union selbst veröffentlicht – leider über verschiedene Seiten verteilt und auch nicht immer in Formaten, die gut maschinell verarbeitet werden können. Deswegen haben wir eine ganze Reihe von „Scrapern“ geschrieben, also Code, der bestimmte Teile von zum Beispiel Webseiten automatisiert auslesen kann. So sammeln wir die verschiedenen Daten und kombinieren sie dann zu einem umfassenden Datensatz. Dadurch, dass diese Sachen automatisiert ablaufen, können wir neue Abstimmungen sehr schnell zur Verfügung stellen – ungefähr eine Stunde, nachdem im Parlament abgestimmt wurde.
„Die drei größten Bestandteile des Journalism Toolkit sind Verbesserungen an der Suche, neue Daten und interaktive Tutorials."
Wie habt ihr HowTheyVote im Zuge der MIZ-Förderung weiterentwickelt und was sind die Bestandteile des Journalism Toolkit?
Till: Die drei größten Bestandteile des Journalism Toolkit sind Verbesserungen an der Suche, neue Daten und interaktive Tutorials, die Journalist:innen dabei unterstützen, mit unserem Datensatz zu arbeiten.
Wir haben einige neue Datenquellen angeschlossen. Einfach zu sehen sind beispielsweise die inhaltlichen Zusammenfassungen auf den Seiten der Abstimmungen, die wir jetzt viel häufiger anzeigen können als früher. Basierend auf den neuen Daten können wir nun außerdem für viele Abstimmungen ein Thema angeben, wie zum Beispiel Klimaschutz.
Um Abstimmungen zu finden, können Nutzer:innen jetzt auf verschiedene Filter zurückgreifen – und so zum Beispiel alle Abstimmungen zum Thema Klimaschutz finden. Auch die klassische Schlagwortsuche liefert jetzt noch häufiger das richtige Ergebnis.
Außerdem machen wir nun Änderungsanträge auch über die Webseite direkt sichtbar, alle Abgeordneten haben eine eigene Profilseite und Nutzer:innen können Abstimmungsergebnisse mithilfe von Datawrapper direkt mit einem Klick visualisieren und auf ihrer eigenen Website einbinden.
Mit nur wenigen Klicks: Abstimmungsergebnisse lassen sich mithilfe von Datawrapper direkt auf der eigenen Website integrieren.
Wie habt ihr entschieden, welche neuen Funktionen ihr im Zuge der Weiterentwicklung umsetzen wollt und welche Rolle spielt das Feedback eurer Nutzer:innen für euch?
Till: Alle Features, die wir im Rahmen der Förderung umgesetzt haben, basieren auf Feedback.
Wir haben im Januar 2025 angefangen, am Journalism Toolkit zu arbeiten. Die letzte Europawahl war zu diesem Zeitpunkt etwa sechs Monate her. Da haben wir viele Anfragen bekommen und mit einigen Redaktionen auch intensiver zusammengearbeitet. Viele Fragestellungen und Wünsche sind immer wieder aufgekommen – daraus entstand dann die Idee für das Journalism Toolkit.
Wir haben auch immer viele Ideen, wie wir HowTheyVote weiterentwickeln könnten – aber oft bringt uns Feedback auch auf Gedanken, die wir vorher noch nicht hatten. Und auch bei der Entscheidung, was wir mit welcher Priorität umsetzen, ist Feedback super wichtig für uns! Seit Beginn der Projektlaufzeit haben wir mit einem Banner direkt auf unserer Webseite Feedback gesammelt. Über das Jahr haben wir mehr als 120 Rückmeldungen darüber erhalten, die dann direkt in die Entwicklung eingeflossen sind.
An wen richtet sich euer Journalism Toolkit und wer nutzt es in der Praxis?
Linus: Wir möchten, dass HowTheyVote für alle Menschen, die sich für das Europäische Parlament interessieren, hilfreich ist. Abseits von Europawahlen hatten wir früher manchmal das Gefühl, dass relativ wenig über Europapolitik berichtet wurde. In den letzten Jahren ist das aber immer mehr geworden.
Unser Ziel ist, dass alle Journalist:innen, die in ihrer Berichterstattung mit dem EU-Parlament zu tun haben, auf HowTheyVote.eu nützliche Informationen finden. Besonders hilfreich ist es für Menschen, die sich sehr viel mit der EU beschäftigen und sich ein bisschen mit den Prozessen auskennen. Die Profilseiten für Abgeordnete haben sich aber zum Beispiel auch Menschen gewünscht, die eher lokal berichten, um ihre Wahlkreisabgeordneten im Blick zu behalten.
Abseits vom Journalismus benutzen HowTheyVote auch viele Menschen, die einfach persönliches Interesse haben. Unser Datensatz wird auch viel von Wissenschaftler:innen benutzt, die sich eher für das große Ganze als für einzelne Abstimmungen interessieren.

Im Austausch mit den Teilnehmenden: Linus und Till beim Workshop im Rahmen des Inspiration Day 2025 von MIZ, mabb und Netzwerk Recherche
Welche Elemente sorgen dafür, dass auch Menschen mit weniger Datenexpertise HowTheyVote gut nutzen können (z. B. Tutorials, Workshops, …)?
Linus: Die Webseite ist bewusst sehr übersichtlich gehalten und wir machen uns viele Gedanken darüber, wie Dinge einfach darstellbar und erklärbar sind, bevor wir sie umsetzen. Trotzdem ist die EU-Gesetzgebung natürlich ziemlich komplex und etwas Vorwissen ist hilfreich.
Wenn wir Vorträge und Workshops halten, zum Beispiel auf der SciCar oder auch beim MIZ Babelsberg, sprechen wir daher immer auch ein bisschen darüber, wie Gesetze in der EU eigentlich gemacht werden und welche Rolle das Parlament dabei spielt.
Im Rahmen der Förderung haben wir außerdem interaktive Tutorials entwickelt, die in die Arbeit mit unserem Datensatz einführen. Da haben wir ausführlich erklärt, wie sich etwa analysieren lässt, welche andere Partei viel mit rechten Parteien abstimmt. Der Code dazu kann direkt im Browser ausprobiert werden, ohne etwas herunterladen oder installieren zu müssen.
„Die Autoren haben unseren Datensatz ausgewertet und konnten so zeigen, wie sich das Abstimmungsverhalten von einigen Parteien im Parlament vor und nach der russischen Invasion der Ukraine 2022 verändert hat."
Könnt ihr Beispiele für Recherchen nennen, für die HowTheyVote eingesetzt wurde und erklären, wie eure Daten genutzt wurden?
Linus: Im EUobserver ist im November eine Recherche veröffentlicht worden, die das Verhalten bei Abstimmungen, die Russland betreffen, beleuchtet hat. Die Autoren haben unseren Datensatz ausgewertet und konnten so zeigen, wie sich das Abstimmungsverhalten von einigen Parteien im Parlament vor und nach der russischen Invasion der Ukraine 2022 verändert hat oder auch aus welchen nationalen Parteien Abgeordnete besonders häufig positiv gegenüber Russland abstimmen.
Im November 2025 kam es außerdem das erste Mal dazu, dass ein wirklich großes EU-Gesetz am Ende durch Stimmen von Rechtsaußen eine Mehrheit im Parlament bekommen hat. Das war eine Art Dammbruch: Im Dezember kam das dann direkt noch häufiger vor. Basierend auf unseren Daten wurde darüber bei Table.Media berichtet. Die Auswertungen dazu stammen von Nicolai von Odarza (SWP), der seit Juli einen monatlichen Newsletter veröffentlicht, indem unter anderem aktuelle Entwicklungen im Europaparlament, basierend auf unseren Daten, analysiert werden.
Wie wollt ihr HowTheyVote in Zukunft weiterentwickeln und wie dafür sorgen, dass euer Open-Source-Projekt möglichst langfristig bestehen bleibt?
Till: Wir haben viele Ideen, die wir gerne noch entwickeln wollen. Und wir bekommen auch durch Feedback, das wir direkt auf der Seite sammeln, immer wieder gute Eindrücke, welche Aspekte wir noch verbessern können. Zum Beispiel würden wir es gerne einfacher machen, eine Abstimmung im Kontext des Gesetzgebungsprozesses einzuordnen - ein Beschluss im Europaparlament führt nicht immer automatisch auch zu einem Gesetz.
Generell legen wir bei allen Features aber großen Wert darauf, dass wir Lösungen finden, die sehr gut automatisierbar und – wenn sich zum Beispiel Datenformate des Parlaments verändern – einfach zu reparieren sind. So funktioniert das Projekt gut, auch wenn wir mal weniger Zeit dafür haben
„Dank des MIZ Babelsberg konnten wir im letzten Jahr große Fortschritte machen, die nicht einfach so nebenbei möglich gewesen wären."
Wie habt ihr von der MIZ-Förderung profitiert und welche Vorteile haben euch besonders bei der Projektentwicklung geholfen?
Till: Durch die Förderung konnten wir uns ein ganzes Jahr regelmäßig Zeit nehmen, um intensiver an HowTheyVote zu arbeiten. Weil uns wichtig ist, dass unser Projekt kostenlos und offen zugänglich ist, betreiben wir das nicht hauptberuflich. Dank des MIZ Babelsberg konnten wir im letzten Jahr große Fortschritte machen, die nicht einfach so nebenbei möglich gewesen wären.
Außerdem sind wir durch die Förderung mit vielen Journalist:innen in den Austausch gekommen – bei Veranstaltungen des MIZ Babelsberg, wie dem Inspiration Day, aber auch auf anderen Konferenzen. Dabei haben wir sehr wertvolles Feedback bekommen und HowTheyVote noch mehr Menschen vorstellen können. Aus solchen Treffen haben sich auch weitere Möglichkeiten ergeben: Beim Inspiration Day war Jakob Vicari bei unserem Workshop dabei und hat uns danach für einen weiteren Workshop im Rahmen seines Seminars an der Hochschule Hannover eingeladen. Und Harald Schumann, unser Feedbackpartner für die Zwischenpräsentation, hat uns super wertvolle Hinweise zu Menschen gegeben, die sich sehr gut mit dem Europaparlament auskennen, die wir alleine nicht gefunden hätten.
>>> zum Datenportal von „HowTheyVote.eu“
>>> Projektseite von „HowTheyVote.eu Journalism Toolkit“ auf der MIZ-Website
Ansprechperson
Marion Franke
InnovationsförderungMarion leitet den Bereich Innovationsförderung. Sie ist Ansprechpartnerin für alle Fragen zu den Förderbedingungen, der Antragstellung und verantwortlich für die Betreuung der Projekte.