Wie helft ihr Redaktionen, mit ihren Inhalten noch mehr Menschen zu erreichen?

Was passiert eigentlich ein paar Tage nach der Veröffentlichung mit einem Nachrichtenartikel? Meist verschwindet er im Archiv und damit aus dem Blickfeld der Leser:innen. Genau hier setzt „BeatSquares“ an. Die KI-Plattform verwandelt bestehende journalistische Inhalte in neue Formate wie Podcasts, Newsletter oder WhatsApp-Kanäle und erreicht die Menschen in der von ihnen gewünschten Form. Im Interview zum Projektabschluss spricht Gründer René Bosch über die Idee hinter „BeatSquares“, erste Kooperationen mit Medienhäusern, den Fokus auf Lokalredaktionen und darüber, welche Rolle KI künftig im Redaktionsalltag spielen wird.

Linus Hagemann und Till Prochaska von HowTheyVote.eu
MIZ Innovation Pitch #6: René Bosch präsentiert „BeatSquares“
| © MIZ Babelsberg / Benjamin Maltry

Lieber René, was hat euch dazu motiviert, BeatSquares zu entwickeln?

René Bosch: Für uns war das so ein „Windows 95“-Moment. Plötzlich hatte jede Redaktion irgendwo ein KI-Projekt laufen – aber im Alltag ging's weiter wie immer. Genau wie damals, als Computer und das Internet kamen: Erst war die Euphorie groß, dann dachten viele, dass das schon wieder vorbeigeht. Da war für uns klar: Wenn wir KI und Journalismus zusammenbringen wollen, dann richtig. Wir wollten herausfinden, was passiert, wenn man KI ernsthaft in journalistische Abläufe einbaut – nicht nur als Spielerei. Und das war der Startschuss.

„Unsere Plattform checkt die Inhalte von Verlagen, gleicht sie mit Zielgruppen ab – und produziert daraus automatisch neue Formate. Das können WhatsApp-Channels, Podcasts oder Newsletter sein."

Wie funktioniert BeatSquares technisch, welche Funktionen bietet das Tool und welche Inhalte und Formate können aktuell mit ihm produziert werden?

René: BeatSquares hilft dabei, dass mehr Menschen lesen, hören oder sehen können, was Journalist:innen bereits recherchiert haben. Sobald es darum geht, vorhandene Inhalte so aufzubereiten und auszuspielen, dass sie für bestimmte Nutzer:innen in genau diesem Moment relevant sind, kommt BeatSquares ins Spiel.

Technisch heißt das: Wir nehmen journalistische Inhalte, die bereits existieren und transformieren sie automatisiert in neue, direkt veröffentlichbare Formate. Das können zum Beispiel Messenger-Channels, Newsletter oder Podcasts sein. Die Inhalte sind also schon da – aber oft nicht kuratiert, nicht zielgruppengerecht strukturiert oder nicht in einer anderen Medienform aufbereitet. Genau hier setzen wir an: Wir helfen Redaktionen dabei, guten Journalismus in der Form auszuliefern, in der Menschen ihn tatsächlich konsumieren möchten.

Wie kommen dabei KI-Lösungen zum Einsatz, welche Modelle nutzt ihr und für welchen Zweck?

René: Ein eigenes KI-Modell zu trainieren wäre schön gewesen – aber da fehlten uns dann doch ein paar Milliarden (lacht). Wir nutzen bestehende Modelle, haben unser System aber so gebaut, dass wir jederzeit wechseln können, wenn ein besseres Modell auftaucht.

Wichtig ist: Bei uns ist KI nicht „ein Textgenerator“, sondern Teil eines klaren, nachvollziehbaren Produktionsprozesses. Die KI übernimmt bei BeatSquares drei zentrale Aufgaben:

1. Suggestion Engine: Sie entscheidet, welche Inhalte, die wir von unseren Kund:innen erhalten, für ein bestimmtes Format oder eine bestimmte Zielgruppe relevant sind.

2. Strategy Engine: Sie transformiert diese Inhalte in das passende Zielformat – z. B. von einem Artikel in ein dialogisches Skript für einen Podcast oder in eine kurze, prägnante Zusammenfassung für einen Messaging-Dienst.

3. Verification Engine: Danach prüft eine unabhängige Instanz das Ergebnis erneut, indem sie den Original-Input mit dem neu erzeugten Output vergleicht. Dadurch können wir typische KI-Fehler und Halluzinationen massiv reduzieren.

Anschließend erstellen wir – teils mit KI, teils mit deterministischer Programmierung – das fertige Layout/Design, sodass am Ende ein direkt publizierbarer Newsletter, ein Podcast oder ein Messaging-Channel herauskommt.

Überprüfungsansicht einzelner Nachrichten

Überprüfungsansicht einzelner Nachrichten: Hier können Redakteur:innen sowohl das Quellmaterial als auch das fertige Material sehen. Darin werden auf beiden Seiten erkannte Fakten markiert, um die Verifizierung gezielt anpassen zu können.

Wie kann ich mir den Arbeitsprozess mit BeatSquares vorstellen?

René: BeatSquares kommt immer dann in den Workflow, wenn aus bestehenden Inhalten neue Formate entstehen sollen – ohne dass Redaktionen dafür Zeit in manuelles Umschreiben, Kürzen, Formatieren oder Umstrukturieren investieren müssen.

Der Ablauf sieht typischerweise so aus:

  • Input in die Plattform: Wir arbeiten mit einer Vielzahl von Formaten und Wegen: Inhalte können aus dem Paper, dem CMS kommen, als manuell hochgeladene Artikel vorliegen oder auch per E-Mail direkt an die Plattform geschickt werden. Unser Anspruch ist, es für Redaktionen so einfach wie möglich zu machen, all das aufzubereiten, was sie ohnehin im Arbeitsalltag nutzen.

  • Automatisierte Kuratierung und Transformation: Dann setzt BeatSquares an: Unsere Systeme kuratieren Inhalte für bestimmte Zielgruppen und Formate, weil z. B. Eltern kleiner Kinder andere Themen brauchen als Anfang-20-Jährige am Beginn ihrer Karriere.

  • Verifikation und Veröffentlichung: Danach greift die Verification Engine, die Output und Originalmaterial abgleicht, Fehler sichtbar macht und so die redaktionelle Kontrolle stärkt. Am Ende steht ein fertiger Post / Newsletter / Podcast, der sofort publizierbar ist.

Dabei gilt für uns: Die KI hat immer das erste Wort, die Redaktion das letzte. Jeder Schritt ist in unserer Plattform einsehbar und kann angepasst werden. Die inhaltliche Hoheit bleibt bei der Redaktion – bei gleichzeitig sehr hoher Automatisierung. In der Praxis heißt das: Die Redaktion sieht zum Beispiel den fertigen WhatsApp-Post in einer WYSIWYG-Ansicht und kann ihn direkt bearbeiten.

„Mit der Süddeutschen Zeitung betreiben wir acht WhatsApp-Kanäle für acht Landkreise – und konnten in wenigen Wochen über 8.000 Abonnent:innen gewinnen."

Ihr richtet euch mit BeatSquares explizit an Lokalredaktionen. Warum ist der Bedarf dort besonders groß?

René: Weil da gerade richtig Musik drin ist! Wir glauben, dass das goldene Zeitalter des Lokaljournalismus erst noch kommt. Menschen wollen wissen, was bei ihnen um die Ecke passiert – aber die Berichterstattung ist oft verstreut und aufwendig aufzubereiten.

Genau da hilft Automatisierung enorm: Wir können lokales Material schnell in Formate überführen, die Menschen tatsächlich nutzen. Und wir sehen, dass es funktioniert: Mit der Süddeutschen Zeitung betreiben wir acht WhatsApp-Kanäle für acht Landkreise – und konnten in wenigen Wochen über 8.000 Abonnent:innen gewinnen. Damit wird Lokaljournalismus auch für Menschen zugänglich, die die klassische Tageszeitung nicht mehr erreicht.

Mit welchen Medienpartnern habt ihr bisher zusammengearbeitet und wie hat sich euer Produkt dadurch weiterentwickelt?

René: Unser erster Partner war die Neue Osnabrücker Zeitung – dort haben wir mit automatisierten Newslettern und Podcasts angefangen. Das war unser Testlabor.

Im Oktober 2025 kam dann die Süddeutsche Zeitung dazu. Wir haben acht WhatsApp-Channels gestartet, die lokale SZ-Meldungen mit Infos aus Gemeinden und Vereinen kombinieren – aus Quellen, die die Redaktion als vertrauenswürdig einstuft. Das war für uns der Moment, in dem klar wurde: Das funktioniert auch im großen Maßstab. Und die nächsten Projekte sind in der Mache – mehr verrate ich, wenn’s spruchreif ist.

Im Dezember haben wir dann vier weitere Tageszeitungen auf unsere Plattform gebracht: Nordbayerischer Kurier, Frankenpost, Neue Presse und insuedthueringen.de. Und die letzten waren das natürlich nicht: Für Januar stehen bereits die Nächsten an.

Ihr habt mit vielen Medienhäusern gesprochen. Wie schätzt du die Innovationsbereitschaft in Redaktionen ein und was müsste sich noch ändern?

René: Die Bereitschaft ist da – viele Redaktionen wissen, dass sich gerade etwas Grundlegendes verändert. Aber zwischen einem coolen Experiment und einem echten Produkt, das dauerhaft im Alltag läuft, liegt ein riesiger Unterschied.

Wir merken: Es findet ein Umdenken statt. Weg von Eigenbasteleien, hin zu spezialisierten Partnern. Das ist gut so – niemand muss alles selbst bauen. Und die Zeit, die man dadurch gewinnt, kann wieder in guten Journalismus fließen.

„Die Basis bleibt: Recherche, Einordnung, Gespräche, Quellenarbeit. Genau das ist und bleibt menschlich."

Was antwortest du Journalist:innen, die befürchten, dass durch automatisierte Content-Erstellung die Qualität leidet?

René: Das ist genau die Frage, an der wir uns messen lassen müssen – und ehrlich gesagt: Das ist unser Job. Wir arbeiten jeden Tag daran, dass Automatisierung nicht die Qualität senkt, sondern sie erhöht.

Die Basis bleibt: Recherche, Einordnung, Gespräche, Quellenarbeit. Genau das ist und bleibt menschlich. Wir arbeiten ausschließlich mit Inhalten aus vertrauenswürdigen Quellen und erstellen keine eigenständigen Artikel. BeatSquares hilft dann, Muster zu erkennen, Inhalte sauber zu strukturieren und sie in neue Formate zu transformieren – und mit unserer Verification Engine sorgen wir zusätzlich dafür, dass Redakteur:innen transparent sehen, woher Fakten kommen und wie sie übernommen wurden. Das ersetzt kein journalistisches Urteil, aber es verstärkt es.

René Bosch beim Inspiration Day 2025
René Bosch mit Workshop-Teilnehmer:innen beim Inspiration Day 2025 von Netzwerk Recherche, mabb und MIZ Babelsberg | © MIZ Babelsberg / Beata Böttcher-Sisak

Wie hat euch die MIZ-Förderung bei der Umsetzung eures Projekts geholfen?

René: Die Förderung war Gold wert. Wir haben dadurch in den ersten Monaten richtig Fahrt aufgenommen – Kontakte, Feedback, Netzwerk, alles. Wir waren plötzlich im Gespräch mit Leuten, die uns geholfen haben, das Produkt strategisch scharfzustellen. Und wir haben es damit bis zur SXSW nach Austin geschafft – was ehrlich gesagt ein ziemliches Highlight war. Und klar: Ein bisschen Geld hilft natürlich auch, aus einer Idee ein funktionierendes Tool zu bauen (lacht).

Wie geht es jetzt weiter und wo seht ihr das größte Potenzial?

René: Wir sind mit starken Partner:innen gestartet, aber das ist erst der Anfang. 2026 wollen wir noch stärker in den Markt – und noch näher ans Publikum. Wir wollen besser verstehen, wie Menschen Inhalte wirklich konsumieren, und daraus Formate entwickeln, die sie nicht nur erreichen, sondern begeistern.

„In fünf Jahren werden wir auf die heutige KI schauen und denken: Das war die Steinzeit. Die spannende Frage wird nicht mehr sein, ob Redaktionen KI nutzen, sondern wie klug sie das tun."

Welche Rolle wird KI deiner Meinung nach in fünf Jahren im Redaktionsalltag spielen?

René: In fünf Jahren werden wir auf die heutige KI schauen und denken: Das war die Steinzeit. KI wird dann einfach dazugehören – wie heute Google oder Textprogramme. Die spannende Frage wird nicht mehr sein, ob Redaktionen KI nutzen, sondern wie klug sie das tun.

>>> zur Website von „BeatSquares“
>>> Projektseite von „BeatSquares“ auf der MIZ-Website

Ansprechperson

Marion Franke Portrait Foto

Marion Franke

Innovationsförderung

Marion leitet den Bereich Innovationsförderung. Sie ist Ansprechpartnerin für alle Fragen zu den Förderbedingungen, der Antragstellung und verantwortlich für die Betreuung der Projekte.

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